Saturday, December 25, 2010

Insomnia

Die Reise nach Australien begann standesgemäß, als ich um 5.04 angestrengt aber zuversichtlich die letzten Stufen zu Gleis 6 unseres geliebten Hauptbahnhofs erklomm. Der Schaffner pfiff, und das stählerne Ross setzte sich in Bewegung – nur leider ohne mich, denn Abfahrtszeit war 5.03 und der Zug pünktlich, vermutlich der einzige in ganz Deutschland an diesem so überaus schneereichen Tag.
Der nächste fuhr eine Stunde später; das ging noch, denn ich hatte mir in Kenntnis der eigenen Fähigkeiten ein relativ großes Zeitfenster gegeben. Dem Schaffner drückte ich noch vor Helmstedt 30 Euro in die Hand, worauf er mir überwältigt von derlei Generosität das Zugticket umbuchte. Von da an konnte mich nichts mehr aufhalten. Schlappe fünfeinhalb Stunden später hatte ich den Frankfurter Flughafen erreicht, und weil ich ein effektiver Mensch bin, nutzte ich die Wartezeit beim Check-In, um potenzielle Platznachbarn im Flieger zu begutachten, erste Mutmaßungen über unseren Aufenthalt in Shanghai mit anderen Mitreisenden auszutauschen und meiner Mutti zum Geburtstag zu gratulieren.
Ich liebe Langstreckenflüge. Beim Check-In hatte man mich gefragt, ob ich Window oder Gang sitzen wolle, und die Antwort war mir nicht leicht gefallen. Zum einen ist das eine schwierige Frage, denn am Fenster kann man mehr sehen, während der Gang mehr Beinfreiheit bereithält. Vor allem aber fragte ich mich, warum sie Window und nicht Fenster gesagt hatte, bzw. dann nicht wenigstens beide Objekte englisch bezeichnet hatte. In solcherlei philosophische Betrachtungen vertieft entschied ich mich jedenfalls für den Ausblick, wobei ich demonstrativ 'Fenster' sagte. Damit war klar, dass ich auf diesem Flug nicht würde schlafen können, denn ich besitze leider nicht die beneidenswerte Gabe einiger Artgenossen, selbst mit in den Bauch gedrückten Knien und wenig bis gar nicht durchbluteten Beinen jenem erholsamen Zeitvertreib zu frönen. Stattdessen las ich ein langweiliges Buch, verfolgte hin und wieder schlecht synchronisierte chinesische Sitcoms auf dem Bildschirm und beobachtete die flatternden Nasenhaare meines schlafenden Platznachbarn. Kurzum, die zwölf Stunden bis Shanghai vergingen sprichwörtlich wie im Fluge.
In Shanghai kamen wir um 8 Uhr morgens Ortszeit an, und das war auch in etwa der Moment, da sich meine zeitliche Wahrnehmung ins Nirwana verflüchtigte. Schlaftrunken trottete ich einem chinesischen Beamten hinterher, der meinen und anderer Reisender Pass konfisziert hatte und wortlos begann, Visumsstempel in die dafür vorgesehene Seite zu hämmern. Das fanden wir freilich erst heraus, als er die Namen der Passinhaber in die Runde bellte, die daraufhin ehrfurchtsvoll das Dokument in Empfang nehmen konnten. Auch ich war erleichtert, denn in meinem übernächtigten Zustand hatte ich mich bereits einer grellen Neonlampe und einem weiteren chinesischen Beamten ausgesetzt gesehen, der mich über meine konterrevolutionären Absichten befragte.
Achja, die Chinesen. Der Chinese, so wurde mir auf der anschließenden U-Bahn Fahrt in die Stadt klar, ist klein, aggressiv und häufig. Gerade die beiden letzten Faktoren werden wohl ausschlaggebend dafür sein, dass die Jünger Maos alsbald unseren Planeten beherrschen werden. Wuselig und rücksichtslos versuchen sie sich, ihren Platz an der Sonne zu ergattern, was im Fall einer überfüllten U-Bahn selbstredend die Bequemlichkeit versprechenden Sitzbänke sind. Für solcherlei Kämpfe war ich nicht gewappnet, so dass ich das Gefährt nicht erst am People’s Place, wie eigentlich beabsichtigt, sondern ein paar Stationen davor am Century Park verließ. Diese Wahl stellte sich als gut heraus, als ich meine Erlebnisse mit denen anderer Reisender verglich, die sich ins Gewimmel am People’s Place gestürzt hatten.
Der Century Park ähnelt nicht nur dem Namen nach dem Central Park in New York. Inmitten der Stein- und Stahlwüste der Metropole haben sie hier ein lauschiges, grünes Fleckchen Erde hingepflanzt, dass dem stressgeplagten Shanghaianer Ruhe und Erholung spendet. Um einen großen Teich konzentriert schlängeln sich grüne Alleen, Parks und botanische Gärten, und das gesamte Areal gewinnt noch an optischem Flair durch die Kulisse der gewaltigen Skyline, die sich an seinen Rändern auftürmt. Hier ließ es sich ein-zwei Stunden gut aushalten, bevor mich der Hunger packte, und ich mich wieder zurück ins Getümmel der Großstadt stürzte.
Wider Erwarten verlief ich mich nur so wenig, dass ich rechtzeitig am Flughafen zurückkehrte, um den Anschlussflug nach Sydney zu nehmen, der denn auch ordnungsgemäß um acht Uhr abends abhob. Hier hatte mich die Fügung des Schicksals neben eine dänische Blondine mit großen blauen Augen platziert, deren Vater als Konstrukteur von Luxusjachten Unmengen an Schotter verdient und sie in Peking in die beste Privatschule Chinas gesteckt hat, weshalb sie nicht nur hübsch, sondern auch überaus intelligent war. Wir unterhielten uns eine Weile lang angeregt, und ich schien sie ziemlich nervös zu machen, weil sie ständig auf dem Sitz hin und her rutschte und insgesamt keine Sekunde ruhig sitzen konnte. Sie war elf.
Das Gespräch erlahmte erst, als ich zugab, auf unseren Segeltrips mit Bavaria-Booten gefahren zu sein (wobei ich noch nicht mal weiß, ob das stimmt). Das erzählte sie flugs ihrem Papa, der mich voller Verachtung darüber aufklärte, dass Bavaria als Marke so ziemlich das schäbigste sei, was der Jachtmarkt so hervorgebracht hat. (Das waren nicht unbedingt seine exakten Worte, aber ich hatte das Gefühl, dass es das war, was er meinte.) Von da an war ich also unten durch und schaffte es tatsächlich, gute zwei Stunden zu schlummern, wobei ich nicht wirklich das Gefühl hatte zu schlafen, doch da ich später nicht wusste, wie die Zollerklärung auf meine Ablage gekommen war, musste es wohl so gewesen sein.
In Sydney entging ich dann knapp einer 200-Dollar-Strafe, weil ich vergessen hatte, die Apfelsine, die sich überraschenderweise noch in meinem Rucksack befand, auf besagter Zollerklärung anzugeben. Doch schließlich einigte ich mich mit der Zollbeamtin darauf, das corpus delicti zu entsorgen, und nicht viel später befand ich mich im Shuttle Bus zum Base Backpackers Hostel, das ich, weil ich ein weitsichtiger Mensch bin, im Voraus für eine Nacht gebucht hatte. Hier fiel ich zunächst in eine fünfstündige Narkose, aus der ich gegen sechs Uhr abends erwachte. Der erste Mensch, den ich traf, war schon wieder ein Däne, was ich angesichts der bescheidenen Größe unseres Nachbarlands doch recht erstaunlich fand. Er hieß Morten.
Wir hatten uns gerade bekannt gemacht, als ohrenbetäubender Lärm unsere Etage (die vierte) erfüllte. Gleich darauf drang eine betrunkene, grölende Horde in unser Zimmer ein, zerrte uns hinaus, zwang uns niederzuknien und flößte uns billigen Fusel in den Rachen ein. Begleitet wurde das Ganze von halbmelodischen Versen wie 'Let`s get fucking mental!', die alkoholschwanger über den Flur geschmettert wurden. Wie sich herausstellte, war dies der Staff des Hostels, der die Bewohner dazu animieren wollte, den Abend im anliegenden Scary Canary, dem Hostel-Pub zu verbringen, wo heute die Christmas-Party stattfinden würde. So zogen wir denn von Zimmer zu Zimmer und von Etage zu Etage, und es war aus psychologischer Sicht interessant zu beobachten, wie sehr - oder eben nicht – sich die Leute wehrten mitzukommen. Eine Chance hatte keiner. Im Canary unterhielt ich mit Morten bei diversen Jägerbombs und ein paar Bier über die Olsenbande und die Euro 92, die bekanntlich die Dänen mehr oder weniger aus dem Urlaub kommend gewonnen hatten.
Am anderen Morgen wachte ich um vier (Sydney-Zeit) auf und hatte neben der zeitlichen auch die räumliche Orientierung verloren. Als ich beides wiedergewonnen hatte, das war gegen acht, entschloss ich mich, die Stadt ein wenig zu erkunden und, so das Wetter es zulassen sollte, ein wenig im Hyde-Park abzumatten. Mein Flieger nach Tasmanien ging am nächsten Morgen um sieben, und der Plan war, schon gegen Mitternacht zum Flughafen zu fahren und dort die restlichen Stunden bis zum Check-In zu verbringen. Viel Schlaf war also wieder nicht in Aussicht.
Als Erstes stattete ich Jenny, Elbos Bekannter, einen Frühstücksbesuch in ihrem Coffeeshop ab. Sie hatte den Tag davor Geburtstag gehabt, aber aufgrund obiger Erlebnisse hatte ich es leider nicht mehr dorthin geschafft. Anschließend zog ich mir Opera House und Harbour Bridge rein und endete schließlich plangemäß im Hyde-Park. Hier döste ich gut eine Stunde und hätte diesen Zustand gewiss noch ausgedehnt, doch dann bemerkte ich, wie sich beim Stirnrunzeln die Haut spannte, und anhand dieses winzigen Indizes erkannte ich, dass es wohl an der Zeit sei, etwas Sonnencreme aufzutragen. Allein, es war bereits zu spät. Gegen Abend sah ich aus wie der Durchschnittsengländer nach seinem ersten Tag auf Mallorca, und die psychischen Schmerzen ob dieser Erkenntnis waren mindestens ebenso groß wie die physischen.
Dann ging es mit Sack und Pack und der U-Bahn zum Domestic Airport, wo ich mich gerade auf die Nachtruhe eingerichtet hatte, als ein Security-Mensch auftauchte und erklärte, dass der Domestic Airport über Nacht geschlossen würde und alle Personen das Areal zu verlassen hatten. Also wieder rein in die U-Bahn zum International Airport, wo in einer kleinen Vorhalle ca. 50 Menschen zusammen gepfercht waren, die wie die Asylanten auf ihre Ausreise aus der DDR harrten. Nach einigen ergebnislosen Versuchen, Schlaf zu finden, packte ich den Laptop aus und spielte bis zum Morgengrauen Schach gegen Fritz 11, wobei ich der Blechbüchse tatsächlich ein Unentschieden abringen konnte (mit nur dreimal Zug zurücknehmen…). Dann war es endlich halb sechs und die erste U-Bahn brachte mich zurück zum Domestic Airport (oder wie ich halb im Delirium im Gedenken an unseren Fastbundeskanzler vor mich hinbrabbelte: 'Ich steige in den Bahnhof ein!')
Im Flieger hatte ich eine ganze Sitzreihe für mich allein, aber anstatt diesen überraschenden Luxus zum Schnasseln zu nutzen, entschied ich mich, die letzten 50 Seiten von John Irvings The Cider House Rules zu Ende zu lesen. Hätte ich gewusst, was mich nach der Ankunft gleich erwarten würde, hätte ich es wohl vorgezogen zu schlafen. Aber dazu ein andermal mehr.

Hier schon mal das entsprechende Foto. Wer Lust hat, kann ja versuchen, eine geeignete Bildunterschrift zu kreieren und sie in den Comments zu verewigen.



Merry Christmas to Everyone!

4 comments:

  1. Hi G,

    merry christmas to you, too!

    Nach Deinem Achtungserfolg gegen Fritzchen ist mein Vorschlag der folgende:

    *Engländer, beim Vorwärtseinparken, in dritter Versuchung*

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  2. Und Grüße an den Exorzismus-Patienten!!

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  3. Die besten Wünsche für das neue Jahr 2011.

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  4. Hallo Guido,
    jetzt mal zwei Sätze mehr. Ich hatte wider Erwarten einige Schwierigkeiten, mich an dieser Stelle zu platzieren.
    Glücklicherweise habe ich Deinen blog von Anfang an verfolgt. Denn jetzt erst "einsteigen", würde bedeuten, viel lesen und verarbeiten.
    Insbesondere bei den ersten beiden short stories hatte ich den starken Verdacht, dass Deine Reise vom Eulenspiegelverlag gesponsert wird bzw. Du als Volontär selbigen Verlags unterwegs bist. Will damit sagen, obwohl die short stories nicht allzu short sind, liest es sich doch ganz locker.
    Mit meiner Bildunterschrift zur ersten story, die ich jetzt nicht mehr zumj Besten gebe, lag ich schon ganz gut. Aber wie bereits gesagt, ich hatte hier den entsprechenden Text eingegeben - weiß nur nicht, wo es letztlich gelandet ist.
    Wünsche Dir weiterhin viel Spaß und immer einen lockeren "Stift".

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