Tuesday, December 28, 2010

Hobart...


…ist die Hauptstadt des tasmanischen Eilands. Über eine gehörig große Fläche verteilt leben hier etwa 220.000 Menschen, was sie zur größten Tasmaniens macht. Der Flughafen erinnert von seinen Ausmaßen her freilich eher an die Bahnhofsvorhalle in Schönebeck, nur dass es dort meines Wissens keine Drogenhunde gibt. Hier schon, doch das putzige Tierchen beschnüffelte ergebnislos die Habseligkeiten des Schreiberlings, denn weil ich ein vorausschauender Mensch bin, hatte ich meine zwei Kilo Koks schon während des Flugs weggezogen. Um wach zu bleiben.
Elbo kam erwartungsgemäß eine halbe Stunde zu spät und gemeinsam ging es dann in seinem Boliden zu Markus, einem alten Bekannten von ihm, bei dem er sich für unabsehbare Zeit einquartiert hat. Die Straßen Hobarts lassen sich am besten mit denen San Franciscos vergleichen: Keine Flachetappen, stattdessen ständiges Rauf und Runter. Schnaufend und ächzend kämpfte sich Elbos Gefährt die bergreiche Gegend entlang, wobei Markus‘ Haus sich sinnigerweise in der Hills Street befindet. Schließlich kamen wir an einer Ampel zum Stehen und hatten die Wahl, geradeaus den kurzen aber beschwerlichen Bergpass der Molle Street zu überwinden (eine Einbahnstraße mit gefühlten 60% Steigung) oder außen rumzufahren. Von Hause aus mit viel Optimismus ausgestattet entschloss sich Elbo für den kürzesten Weg und ließ sich auch nicht von des Schreiberlings interessierter Frage (‚Bist du sicher, dass er das packt?‘) in seinem Tatendrang bremsen.
Wir schafften etwa vier Fünftel des Hangs, dann ging dem bedauernswerten Vehikel die Puste aus. Elbo haute den ersten Gang rein und jagte den Motor nochmal richtig hoch, doch es war zu spät. Einige Sekunden lang standen wir auf der Stelle, und begleitet vom jaulenden Geräusch der tapfer kämpfenden Maschine hielt die Weltgeschichte für ein paar Augenblicke den Atem an. Dann begannen wir langsam zurückzurollen. Ein Blick nach hinten sagte uns, dass sich inzwischen einiges an Publikum angefunden hatte, bzw. sich eine wartende Schlange an Autos angesammelt hatte, die nur zu gern passieren würde. Daraufhin fällte Elbo eine Entscheidung, die jeder an seiner Stelle genauso getroffen hätte: ‚Wir müssen wenden!‘ sagte er entschlossen, aber seine Stimme klang etwas heiser.
Wir ließen uns also ein bisschen zurückrollen und steuerten dabei nach rechts, um in vorbildlicher Weise den Ozzies zu zeigen, wie man in drei Zügen wendet. Leider kamen wir beim ersten Vorwärtsfahren noch nicht an den links parkenden Autos vorbei, so dass Elbo nochmal den Rückwärtsgang bemühen musste. Nun ist jener bei Elbos Mitsubishi dummerweise derjenige, der am meisten Widerstand leistet. Die ersten Schweißperlen zeichneten sich auf meines Freundes Stirn ab, als er ihn nach einigem Hin und Her Gerackle endlich drin hatte. Und genau das war der Moment, in dem uns der Sprit ausging…
Panik wäre sicher das falsche Wort, um die entstandene Situation treffend zu beschreiben, aber man kann durchaus sagen, dass die Lage gespannt war. Wir hatten unser Vehikel mit echt deutscher Präzision exakt mittig und quer zur Fahrbahn platziert, so dass keine Chance bestand, dass irgendjemand vorbeifahren konnte. Und es wollten mittlerweile einige vorbeifahren…
Einige der Fahrer in den ersten Reihen versuchten wir mit dem uns eigenen Organisationstalent dazu zu engagieren, die Kiste ein wenig nach hinten zu schieben, damit wir das Wendemanöver ordnungsgemäß vollenden können. (Elbo vertrat nämlich die Theorie, dass der Tank nicht vollständig leer war, sondern nur deshalb kein Benzin mehr in die Zylinder lief, weil wir so schräg standen. Ein Problem, dass sich von selbst lösen würde, wenn wir erst wieder ebene Erde unter uns hätten.) Also packten wir zu viert den Bullen bei den Hörnern und versuchten, ihn nach hinten zu drücken, während Elbo am Steuer sein Bestes gab. Das Ergebnis war, dass der Wagen noch einen Meter vorwärts an die parkenden Autos heran rutschte, bevor der Versuch wegen Quetschungsgefahr abgebrochen werden musste. Es half nichts, wir mussten Benzin holen gehen. Immerhin hatte sich die Straße hinter unserem Vehikel etwas geöffnet, so dass bei geeigneter Führung die mutigsten Fahrer passieren konnten. Diesen Part übernahm der Verfasser, während Elbo mit dem Benzinkanister loslief, allerdings nicht ohne vorher noch die Szenerie für die Ewigkeit festzuhalten, wobei dieses Foto entstand, dass schon beim letzten Blog zu sehen war.

Die nächste dreiviertel Stunde dirigierte ich also, mittlerweile etwa 40 Stunden ohne Schlaf, die ankommenden Fahrzeuge durch das Nadelöhr und begann mich zu fragen, ob ich Weihnachten nicht doch lieber mit der Familie verbracht haben sollte. Allerdings habe ich selten so viele erhobene Daumen, so viel Freundlichkeit und Dankbarkeit erlebt wie in dieser Zeitspanne. Jeder schien vor Dankbarkeit bersten zu wollen, weil ich, der offensichtliche Verursacher dieses Chaos‘, sie durch die enge Passage gestikulierte. Viele boten ihre Hilfe an, einer holte sogar einen Kanister Benzin heraus, aber weil Elbo unterwegs war, nützte das nicht viel. Auf jeden Fall wurde mir klar, dass Hobart eben nicht Schönebeck war.
Irgendwann kam Elbo schließlich zurück, und nachdem unser durstiger Motor das kraftspendende Nass gierig in sich reingeschlürft hatte, erfüllte er auch wieder seine Bestimmung und wir konnten problemlos wenden…
Konnten wir natürlich nicht, denn ein Umstand, der bisher noch keine Erwähnung gefunden hatte, aber nun außergewöhnliche Bedeutung gewann, war das eher als ausgedehnt zu beschreibende Spiel der Handbremse, was die Startphase zu einer sehr delikaten Angelegenheit werden ließ. Beim ersten Versuch rutschte das Vehikel getreu den Gesetzen Newtons gleichmal einen weiteren Meter nach vorn, und einen zweiten gab es nicht, denn unsere Stoßstange war damit noch etwa dreißig Zentimeter vom bereits erwähnten parkenden Volvo entfernt.
Guter Rat war nun natürlich teuer, aber da uns die Ideen immer erst als letztes ausgehen, überlegten wir uns, wie wir den Fahrer des Volvos ausfindig machen und ihn dazu bewegen konnten, sein Gefährt kurz wegzufahren, damit wir wieder genug Platz hatten. Erst riefen wir die Telefonnummer an, die auf dem Nummernschild angegeben war, erreichten aber erwartungsgemäß nur das Autohaus. Dann fragten wir ein paar Leute des ständig wechselnden Publikums, ob sie zufällig den Halter des Fahrzeugs kannten. Ergebnislos. Schließlich offenbarte ein Blick auf die Rücksitzbank ein Paket mit einer Adresse darauf, die wir durch weitere Gespräche mit Umstehenden lokalisieren konnten.
Also machte sich Elbo erneut auf die Socken, während es mir oblag, den Verkehr zu regeln, was ich mit der mir eigenen Gewissenhaftigkeit und Kompetenz mühelos erledigte. (Die Lücke war indes durch unser nochmaliges Vorrutschen größer geworden, was die Arbeit enorm erleichterte.) Eine weitere halbe Stunde ging ins tasmanische Land, als schließlich der Halter des Volvos auftauchte und, über die Situation informiert, anstandslos seinen Wagen ein Stückchen vorfuhr.
Damit war das Problem endlich gelöst, jetzt fehlte nur noch Elbo. Sinnigerweise hatte ich ihm, bevor er loslief, mein Handy überlassen, weil sein eigenes kein Guthaben mehr beinhaltete, damit er auf seiner Jagd nach Informationen jemand anrufen kann. Dieser Akt der Weitsicht verkehrte sich nun ins Gegenteil, da ich ihn nicht mehr anrufen und Bescheid geben konnte. So blieb nichts weiter übrig als auszuharren, wobei der quer stehende, traurig vor sich hin kauernde Mitsubishi, der nun hinten wie vorne über genügend Platz verfügte, im einsetzenden Regen Hobarts beredtes Zeugnis über die Gesamtsituation ablegte.
Aber wie so vieles im Leben ging auch das einmal vorbei. Nach einer weiteren halben Stunde kehrte Elbo zurück, berichtete mir Schweiß triefend von seinen wirren Abenteuern, denen ich in meinen Zustand jedoch nur sehr eingeschränkt folgen konnte, und wir kamen schließlich vor Markus´ Haus zu stehen, dass sich im Übrigen ziemlich genau drei Blocks weiter befand.
Ansonsten ist Hobart eine sehr schöne Stadt, in der es sich gut aushalten lässt. Am übernächsten Tag verließen wir sie, um auf der tasmanischen Halbinsel die ehemalige Sträflingskolonie Port Arthur zu begutachten und endlich ein paar tasmanische Teufel anzutreffen. Aber das wird Gegenstand des nächsten Blogs sein.
No worries

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